Kürzungen auf Kosten der Kinder?

Stattdessen: Barrieren abbauen und Chancenvielfalt erhöhen

Was hat ein Kinderbett oder ein Rollstuhlfahrrad mit Konferenzen in Hinterzimmern zu tun? Eine ganze Menge. Nämlich dann, wenn dort über Kürzungen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe verhandelt wird. Hinter geschlossenen Türen sind kürzlich Vertreterinnen und Vertreter des Bundes, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zusammengekommen, um drastische Leistungseinschränkungen auf Kosten der Kinder und ihrer Familien zu diskutieren.

Durch weitere Kürzungen wäre es noch schwieriger für Familien.
Ein Hund als Mobilitätsassistenz für Louisa* steht in keinem Leistungskatalog.

Was dort vertraulich besprochen wurde, kann große öffentliche Auswirkungen haben, ging es doch um Kürzungen in Milliardenhöhe, die gerade diejenigen treffen würden, die es ohnehin schwer haben: Kinder und Jugendliche mit besonderem Unterstützungsbedarf wie Schulassistenz, Alleinerziehende, die Unterhaltsvorschuss bekommen, Einrichtungen, die für diese Menschen arbeiten.

Deshalb lehnt Aktion Kindertraum diese Kürzungen genauso wie viele Verbände und andere Organisationen ab.

Kürzungen in Milliardenhöhe

Die Kürzungen, die jetzt angedacht werden, umfassen mindestens 8,6 Milliarden Euro. Doch muss befürchtet werden, dass es letztlich um eine sehr viel größere Summe geht, die wegfallen soll.

Der Paritätische Niedersachsen zeigt sich angesichts dieser Vorhaben entsetzt: „Die Vorschläge zielen auf radikale Einschnitte bei sozialen Unterstützungsleistungen. Manche Vorschläge widersprechen offen der UN-Behindertenrechtskonvention und der UN-Kinderrechtskonvention.“

Nach Einschätzung der KBB (Konferenz der Beauftragten des Bundes und der Länder für Menschen mit Behinderungen) bedrohen die angedachten Kürzungen das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderungen: „Die Lösung für bestehende Herausforderungen kann nicht in Leistungskürzungen liegen, sondern nur in einer klugen und nachhaltigen Strategie, die alle Politikbereiche umfasst. Wer die Kosten der Eingliederungshilfe wirksam senken will, muss konsequent in Inklusion und Barrierefreiheit investieren.“

Ein Traum in Rosa…

Aktion Kindertraum weiß, was es für Familien bedeutet, wenn die Leistungen für einkommensschwache und sozial Benachteiligte gekürzt werden: Seit der Einführung von Hartz IV am 1. Januar 2005 erreichen uns zunehmend Wünsche von Kindern und Jugendlichen nach Kleidung, einer Kinderzimmereinrichtung oder einem Fahrrad.

Durch weitere Kürzungen wäre es noch schwieriger für Familien.
Ein Traum in rosa für Margerita*, die aus ihrem Babybett herausgewachsen war.

Auch andere Beispiele aus unserer Datenbank machen deutlich: Erkrankungen und Behinderungen der Kinder gehen oftmals einher mit Finanzknappheit der Eltern: Danyil* hat Epilepsie und brauchte dringend ein neues Bett mit einer orthopädischen Matratze, wir konnten seinen Wunsch erfüllen. Mathea* ist psychisch erkrankt, Dank Aktion Kindertraum konnte sie sich mit neuen, modernen und passenden Sachen einkleiden. Margerita* war aus ihrem Babybett herausgewachsen. Dank vieler Spenden konnten wir dem kleinen Mädchen ein kindgerechtes Zimmer einrichten – ein Traum in Rosa.

Keine Zeit für einen zweiten Job

Aus zahlreichen Gesprächen mit Eltern wissen wir: Kinder mit Behinderungen brauchen deutlich mehr Zuwendung und Unterstützung. Das nimmt die ganze Familie in Anspruch – Eltern wie Geschwister. Ganz zu schweigen von zeitraubenden Behördengängen oder Abstimmungen mit Krankenkassen und Einrichtungsträgern. Da bleibt keine Zeit für einen zweiten Job und zusätzliche Einkünfte.

Häufig sind die Eltern unserer „Wunschkinder“ alleinerziehend. Ohnehin werden rund ein Drittel aller Ehen in Deutschland geschieden. Bei Paaren mit kranken oder behinderten Kindern liegt die Trennungsrate wohl deutlich höher.

Sollten die Kürzungspläne realisiert werden, geraten Alleinerziehende, die Unterhaltsvorschuss beziehen, finanziell noch stärker unter Druck: Rund 1 Milliarde Euro sollen hier gestrichen werden. Dabei gehören sie und ihre Kinder in Deutschland seit Jahren zu den Menschen, die von Armut besonders bedroht sind.

Zwickmühle für Alleinerziehende

Schon jetzt stecken Alleinerziehende oftmals in einer Zwickmühle: Gut in Erinnerung ist uns der Fall einer jungen Mutter, die sich verzweifelt an Aktion Kindertraum gewendet hat: „Sie suchte für ihre kleine Tochter einen Kindergartenplatz, um arbeiten gehen zu können. Der Kindergarten hingegen wollte einen Anstellungsnachweis als Sicherheit, dass die junge Frau die Betreuungskosten bezahlen kann. Potenzielle Arbeitgeber wiederum wollten einen Nachweis über einen Kindergartenplatz für die Tochter“, schildert Ute Friese, die Initiatorin von Aktion Kindertraum das Dilemma der Mutter.

Eine große Freude für Leonard, wenn seine Mutter ihn durch Wald und Wiese chauffiert.

Ein anderes Beispiel ist die Geschichte von Leonard: Seine ebenfalls alleinerziehende Mutter musste Stunden und damit Einkommen reduzieren, um Leonard angemessen betreuen zu können. Der Junge spricht nicht und ist geistig auf dem Entwicklungsstand eines Zweijährigen. Weil Leonards Mutter alleine kein Stufentandem finanzieren konnte, hat sie sich an Aktion Kindertraum gewandt. Dank unserer Spenderinnen und Spender können die beiden jetzt zusammen unterwegs sein.

Die Gefahr einer weiteren Stigmatisierung

Familien, die ein behindertes Kind haben oder einen Jugendlichen, der anders ist, als seine Altersgenossen, sehen sich auch heute noch mit Mitleid und unangenehmen Blicken konfrontiert. Falsche Annahmen über das Zusammenleben erschweren zusätzlich den Alltag oder fördern die soziale Isolation: So bleiben Einladungen zu Kindergeburtstagen aus, da Eltern der Geburtstagskinder unsicher sind im Umgang mit der Behinderung.

All dies führt zu einer reduzierten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die Behinderung des Kindes kann die Stigmatisierung der ganzen Familie bedeuten. Kommt dann noch Armut hinzu, verschärft sich die Ausgrenzung.

Die Spätfolgen mitbedenken

Prävention, Inklusion und Familienförderung sehen wir nicht als reine soziale Leistungen. Vielmehr sind dies Investitionen in Menschen, in unser gesellschaftliches Zusammenleben und damit in unsere Zukunft. Was passiert, wenn sie ausbleiben, zeigen die Spätfolgen des Corona-Lockdowns heute: Den Ausfall von Schulunterricht und Kindergartenbetreuung, mangelnde soziale Kontakte von Kindern und Jugendlichen, all das macht sich bis heute in vielen sozialen Bereichen und den sozialen Kompetenzen junger Menschen negativ bemerkbar.

Wer jetzt darüber nachdenkt, wie Kinder-, Jugend- und Familienhilfe zukünftig auch finanziell ausgestaltet wird, sollte dadurch gewarnt sein. Mit dem Wissen von heute verbieten sich sämtliche Kürzungsszenarien.

Hilfsorganisationen sind keine Lückenbüßer

Ob Kinderzimmer, Sportrollstuhl oder Reittherapie – Wünsche, die an Aktion Kindertraum herangetragen werden, bewerten wir nicht. Bei Aktion Kindertraum gibt es nur wenige Ausschlusskriterien. Aber wir geben grundsätzlich kein Geld an Kinder oder Eltern, wir realisieren die Wunscherfüllung selbst bis ins Detail.

Oft ist einfach ein Fahrrad der große Wunsch.

Gegenüber unseren Spenderinnen und Spendern fühlen wir uns größter Transparenz verpflichtet. Dazu gehört auch, die Mittel, die uns anvertraut werden, gezielt und satzungsgemäß zu verwenden. Allein aus dieser Verantwortung ergibt sich, dass wir keine Lückenbüßer sind. Wir schließen keine finanziellen Löcher, dort wo die Förderung durch die öffentliche Hand entfällt.

Um es ganz deutlich zu sagen, wir helfen gerne und freuen uns jedes Mal, einen Herzenswunsch zu erfüllen. Aber es ist nicht die Aufgabe von Hilfsorganisationen wie Aktion Kindertraum dort einzuspringen, wo es um strukturelles staatliches Versagen von Hilfsleistungen geht.

Wer will, findet Wege

Vielleicht sind Sie erstaunt, dass wir hier so ausführlich auf aktuelle politische Diskussionen eingehen. Seit fast 30 Jahren zeigen uns die vielen Herzenswünsche, was die Kinder, Jugendlichen und Familien bewegt. Von den Familien „unserer Wunschkinder“ hören wir häufig: „So einfach, so entgegenkommend wie von Aktion Kindertraum haben wir noch nie Unterstützung bekommen.“ Das hat mit unserer Grundeinstellung zu tun, nämlich für die Menschen, die sich an uns wenden, gute und leicht gangbare Wege zu finden.

Die derzeit diskutierten Kürzungspläne bedeuten jedoch das genaue Gegenteil: Sie errichten neue Hürden für Teilhabe, Bildungschancen und Lebensperspektiven. Aktion Kindertraum weiß um die wunderbare Wirkung der Wunscherfüllung, welche nachhaltigen Perspektiven sich daraus für die Kinder und Jugendlichen ergeben. Deshalb wünschen wir uns, Barrieren abzubauen und eine deutlich größere Chancenvielfalt.

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Robert Exner

„Wer will, findet Wege“, lautet mein Motto. Daher schätze ich so sehr die unkomplizierte, konstruktive Arbeitsweise von Ute und ihrem Team und begleite die Öffentlichkeitsarbeit von Aktion Kindertraum seit mehr als zwanzig Jahren. Genauso lange gibt es mein Büro fundwort für Text, PR- und Fundraising. Neben sozialen Themen liegen mir Umwelt- und Nachhaltigkeitskommunikation am Herzen.

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