Was Fahrradfahren für Kinder und ihre Familien bedeutet
„He, kleiner Fratz auf dem Kinderrad
Gekonnt hältst du die Balance
He, kleiner Fratz auf dem Kinderrad
Du fährst in der Tour d’Elegance
Mit den Haaren im Wind, auf den Wangen die Sonne
Saust du vorbei wie der Blitz
Flitz!„
Hermann van Veen
Fahrradfahren verkörpert Freiheit – ein Gefühl, das vor allem für Kinder von unschätzbarem Wert ist. Zu erleben, wie Kinder beginnen, selbst die Welt zu erfahren, das hat wohl kaum jemand schöner beschrieben als Hermann van Veen in seinem Lied „kleiner Fratz“.
Für Kinder mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen mag die Bewegungsfreiheit eingeschränkt sein, doch auch für sie ermöglicht das Rad Teilhabe, das Erlebnis den eigenen Körper und seine Möglichkeiten zu spüren und große Lebensfreude. Das erfahren wir immer wieder, wenn wir Kindern und Jugendlichen den Wunsch nach einem Fahrrad erfüllen.

Seit dem Aktion Kindertraum im Jahr 1998 an den Start gegangen ist, wünschten sich nämlich hunderte Kinder und ihre Familien ein Zweirad oder spezielle Räder: Ob Fahrradanhänger für einen Rollstuhl, E-Lastenfahrrad, Parallel-Tandem, Triobike, Mountainbike oder Bauteile für ein BMX-Rad – unsere Wunschdatenbank umfasst wahrscheinlich alle Fahrräder und Sonderanfertigungen, die es so gibt. Ganz gleich, um welch tolle Konstruktion es sich dreht, bei allen fährt dieses Gefühl von Freiheit mit, wenn man den Fahrtwind spürt.
„Nichts ist vergleichbar mit der einfachen Freude, Fahrrad zu fahren.“
John F. Kennedy
Die bewegende Geschichte von Leonard
Manchmal ist es nur ein kleiner Moment, der alles verändert: Ein Junge, der auf einem Tandem sitzt, anfangs noch zögerlich – dann lacht er laut, streckt die Arme hoch, den Kopf in den Wind und ist einfach glücklich. Dieser Junge heißt Leonard und ist acht Jahre alt.
Leonard spricht nicht und ist geistig auf dem Entwicklungsstand eines etwa zweijährigen Kindes. Er hat eine ganz besonders empfindsame Wahrnehmung: Viele Menschen, laute Geräusche, unerwartete Situationen, das alles schreckt ihn. Er reagiert darauf mit Schreikrämpfen, totalem Rückzug oder panischer Flucht.

Ganz anders geht es ihm bei Ausflügen in den Wald und die Natur. Hier ist für Leonard ein sicherer Rückzugsort, hier findet er Ruhe, und deshalb liebt er die gemeinsamen Radtouren mit seiner alleinerziehenden Mutter und seiner Schwester so sehr. Als er kleiner war, saß er im Fahrradanhänger, doch dafür ist er heute zu groß. Und weil ein normales Fahrrad für Leonard wegen seiner motorischen Einschränkungen nicht in Frage kommt, hat sich die Familie an Aktion Kindertraum gewendet.
Denn Leonard hatte zuvor eine Probefahrt auf einem Stufentandem gemacht. Das ist ein Spezialfahrrad, das vorne Platz für ihn bietet und hinten von seiner Mutter gesteuert wird. Anfangs war Leonard sehr skeptisch. Doch schließlich passierte das, was alle so sehr gehofft hatten: Leonard lachte, strahlte, genoss das gemeinsame Fahren – und wollte gar nicht mehr absteigen.
Die größte Hürde: hohe Anschaffungskosten
Doch so ein Stufentandem kostet ein paar Tausend Euro. Zu viel für Leonards Mutter. Sie musste Stunden reduzieren, denn Leonard benötigt nun einmal intensive Betreuung. Und so kam Aktion Kindertraum mit ins Spiel.
Dank toller Spenderinnen und treuer Unterstützer konnten wir das Tandem finanzieren. Denn wir wissen, für Leonard ist ein solches Rad mehr als ein Fortbewegungsmittel. Es ist ein Weg zurück zu gemeinsamen Ausflügen, ein Moment der Normalität für die kleine Familie, die im Alltag viel zurückstecken muss.
Wichtige Erfahrungen mit dem Rad
Gerade für Kinder eröffnet das Fahrrad – ob klassisch, angepasst oder als Therapierad – neue Wege: Es ermöglicht ihnen, ihre Umwelt aktiv zu entdecken, Geschwindigkeit zu erleben und ein Stück Unabhängigkeit zu gewinnen. Bewegungsabläufe werden gefördert, Gleichgewicht und Koordination trainiert, und ganz nebenbei stärkt das Radfahren auch das Selbstvertrauen. Ein Kind, das sich aus eigener Kraft fortbewegen kann, erlebt: Ich kann etwas bewirken.
„Das Leben ist wie Fahrradfahren. Um das Gleichgewicht zu halten, muss man in Bewegung bleiben.“
Albert Einstein
Fahrradausflüge stärken die Familie
Für Familien mit einem behinderten Kind bedeutet gemeinsames Fahrradfahren einen enormen Zugewinn an Lebensqualität: Ein Ausflug ins Grüne, eine kleine Tour am Wochenende oder einfach eine Runde durch die Nachbarschaft – all das wird zu wertvoller gemeinsamer Zeit.

Geschwisterkinder sind mit dabei, Eltern können durchatmen und Momente der Normalität genießen. Mit dem Fahrrad lassen sich Kontakte zu Freunden und Verwandten besser pflegen.
Das Familienrad – Triobike Taxi
Wie wichtig dieser Gemeinschaftsaspekt ist, zeigt sehr schön eine andere Wunschgeschichte. Dabei geht es um Nico und Paul. Nico ist schon fast erwachsen, sein Bruder Paul vierzehn Jahre jünger. Nico braucht einen Rollstuhl und kann aufgrund einer frühkindlichen Hirnblutung fast nichts mehr sehen. Seinen Kontakt zur Umwelt vermittelt ihm zunehmend Paul. Er schildert Nico, was es zu sehen gibt, er warnt vor Gefahren oder macht auf anderes aufmerksam. Das klappte gut, solange Nico im Rollstuhl und Paul auf seinem Kinderrad dieselbe Geschwindigkeit hatten.

Inzwischen ist Paul per Rad bei Ausflügen schneller als Nico. Um den beiden Jungen das gemeinsame Radfahren zu ermöglichen, bei dem Nico auch mal der Fahrtwind um die Nase weht, suchten die Eltern nach einer Lösung – und die heißt Triobike Taxi. Ein Triobike Taxi ist einer Rikscha ähnlich und es können damit bis zu zwei Personen befördert werden. Was für eine schöne Vorstellung: Nico und Paul werden von Vater oder Mutter mit der „Couch auf Rädern” durch die Landschaft gefahren und der kleine Paul beschreibt seinem großen Bruder alles, was es zu entdecken gibt.
Dankbar für die große Unterstützung
Eine tolle Sache, so ein Triobike, die allerdings auch ihren (durchaus angemessenen) Preis hat. Rund 9.000 Euro muss man für diese Rikscha mit ihrer durchdachten Technik bezahlen. Zu viel für die Eltern von Nico und Paul. Deshalb sind sie so dankbar, dass Aktion Kindertraum ihnen diesen Wunsch erfüllen konnte. Und wir freuen uns, dass unsere Unterstützer ebenfalls davon überzeugt sind, dass dieses Triobike eigentlich Quatrobike heißen müsste, denn eine gehörige Portion Lebensfreude fährt ebenfalls bei den Touren der drei mit.
„Die Haare im Wind“
Manche der Fahrradwünsche, die an Aktion Kindertraum herangetragen werden, kommen von Kindern, die durchaus selbst fahren können: Kinder, die ein neues Rad brauchen, das die Eltern nicht bezahlen können oder Jugendliche, die ihr altes BMX-Rad etwas „aufmotzen“ möchten und sich dafür ein paar Ausstattungsextras wünschen.

Ob kleiner Fratz oder großer Junge: Wenn ein Kind lacht, weil der Wind durch die Haare weht, wenn es stolz ist, eine Strecke am See entlang oder Downhill geschafft zu haben, dann schwingt da etwas mit, das sich kaum in Worte fassen lässt. Vielleicht ist es genau dieses Gefühl, das in dem Lied „Kleiner Fratz“ anklingt. Flitz!
Es geht eben nicht nur um Mobilität. Es geht um Selbstvertrauen, um Freude und um das Recht, die Welt aktiv zu erleben. Fahrradfahren kann all das ermöglichen – Schritt für Schritt, Tritt für Tritt.