Mit dem Rugbyrollstuhl von Aktion Kindertraum zur WM in Brasilien

Wie spannend ist das denn? Jonte (16) ist mit seinem Spezial-Rugbyrollstuhl nach São Paulo in Brasilien – zur Weltmeisterschaft im Rollstuhlrugby geflogen. Ein Traum wird wahr! 

Auch der Rugbyrollstuhl war ein Traum von Jonte. Und mit diesem Wunsch hatte er sich an uns, an Aktion Kindertraum, gewandt. Denn eins war schon damals klar: Um bei internationalen Spielen Erfolg zu haben, brauchen Athleten wie Jonte, der an einer degenerativen Muskelerkrankung (Muskeldystrophie) leidet, ganz speziell angepasste Sportrollstühle. Und die sind mit 10.000 Euro auch nicht ganz billig. Da Jonte extrem talentiert ist und schon länger in der Nationalmannschaft Rollstuhlrugby für Deutschland spielt, war für uns klar, dass wir ihm diesen Wunsch gern erfüllen würden. 

Also ging es erst einmal nach Bad Oynhausen zu Otto Bock, der Herstellerfirma des Rugbyrollstuhls. Hier trafen wir uns mit Jonte, seiner Mutter Ana-Finja Küntzel, Nationaltrainer Christoph Werner sowie Torsten Lisy (Standortleiter Otto Bock) und Michael Möllenbeck, Geschäftsführer des Sanitätshauses Schämann. 

Jonte mit seinem neuen Rugbyrollstuhl beim Anpassen des Rollstuhls.
Jonte in seinem neuen Sportgerät zum Anpassen des Rollstuhls. Den Glücksbringer Twinky von Aktion Kindertraum gab es gleich mit dazu. 

Wir fanden Jonte vor einem vollen Stadion, das bis auf den letzten Platz gefüllt ist. Ok, eigentlich nur eine Fototapete, aber doch schon fast so wie bei der Weltmeisterschaft in Brasilen … 

In der Probehalle von Otto Bock fährt Jonte seinen brandneuen Rugbyrollstuhl dann Probe. Mit Handschuhen selbstverständlich, denn dieser Sport ist wirklich auch ganz viel „Handarbeit“. Damit die Handschuhe nicht rutschen, werden sie oben mit Tape am Arm befestigt. Dann geht’s los: Schwung nehmen, stoppen, drehen, Ball aufnehmen, zum Trainer werfen. Das alles in einem Wahnsinnstempo. Immer wieder testet Jonte diverse Moves mit dem neuen Sportgerät aus, um herauszufinden, was noch verbessert werden muss.  

Passt es? Jontes Rugbyrollstuhl wird ganz genau vermessen.

Vom Fußball zum Rollstuhlrugby

Und Jonte ist richtig gut. Seit Anfang 2025 spielt er in der Nationalmannschaft, er war bereits mit dem zwölfköpfigen Team in Australien und hat bei der „World Challenge“ gegen internationale Mannschaften wie Kanada, Neuseeland und natürlich auch Australien gespielt. 

Wie er zum Rollstuhlrugby kam? „Ich habe bis vor dreieinhalb Jahren Fußball bei Werder Inklusion gespielt“, sagt er. „Aber als das mit meinen Beinen schlechter wurde, habe ich Leute vom Rollstuhlbasketball und Rollstuhlrugby kennengelernt. Beides habe ich dann ausprobiert – und Rugby hat mir einfach mehr Spaß gemacht.“

Jonte ist erkrankt an einer degenerativen Muskelerkrankung, einer Erbkrankheit, die durch genetische Mutationen verursacht wird und meist zu stetig fortschreitender Muskelschwäche und Muskelschwund führt. Und dennoch: Jonte gehört in seiner Mannschaft – die übrigens sowohl mit Männern und Frauen als auch, was das Alter betrifft, ganz gemischt ist – zu denen, die noch am beweglichsten sind. Er spielt mit der Nummer 13, einen festen Platz gibt es nicht, denn auch hier wird munter gemixt, je nachdem, wer von den zwölf Spielern gerade auf dem Platz ist. Denn dort sind im Spiel lediglich vier Spieler pro Team erlaubt. 

Gruppenfoto mit allen Beteiligten bei der Anprobe: Michael Möllenbeck, Geschäftsführer des Sanitätshauses Schämann, Ute Friese, Gründerin und Geschäftsführerin von Aktion Kindertraum, Anna Küntzel, Torsten Lisy (Standortleiter Otto Bock), Nationaltrainer Christoph Werner und Jonte (Foto von links).

Mutter Ana ist ebenfalls mit dem Rugbyvirus infiziert

Auch Jontes Mutter Ana ist aktiv beim ersten Ausprobieren des Rollstuhls mit dabei. Wie ihren Sohn hat auch sie inzwischen das Rugbyfieber gepackt. Heute unterstützt sie regelmäßig nicht nur ihn, sondern auch alle anderen im Team mit Rat und Tat. Pro Woche fährt sie zweimal mit Jonte und seinen beiden Geschwistern (6 und 12 Jahre alt) von Bremen nach Achim zum Training. Und das findet „eigentlich immer statt!“, so Ana. „Selbst zu Weihnachten sind wir da, oft feiern wir mit allen zusammen die Festtage!“ Sie erzählt ganz gerührt: „Als Jonte erfuhr, dass Aktion Kindertraum ihm den Rugbyrollstuhl ermöglichen wird, sind ihm vor Freude die Tränen gekommen. Ich denke, er würde ihn am liebsten mit ins Bett nehmen – wenn das nicht so unbequem wäre…“

Sportrollstuhlexperten helfen beim Anpassen

Aber noch kann Jonte den Rollstuhl nicht mitnehmen, denn es müssen letzte wichtige Anpassungen gemacht werden. Deshalb ist auch sein Trainer Christoph Werner beim ersten Ausprobieren des neuen Sportrollstuhls mit dabei sowie auch Michael Möllenbeck, Geschäftsführer des Sanitätshauses Schämann in Stuhr, der Jonte in sämtlichen Sachen bezüglich Rollstuhl unterstützt. Beide sitzen ebenfalls im Rollstuhl und haben viel Erfahrung, was Sportrollstühle betrifft.

Dass Jonte jetzt einen eigenen angepassten Rollstuhl besitzt, verdankt er auch seinem Trainer Michael, der Aktion Kindertraum auf einer Fachmesse kennenlernte und von Jonte berichtete. Jonte: „Bisher musste ich mir immer einen Sportrollstuhl zum Spielen leihen, aber egal welcher, sie waren alle viel zu groß für mich!“

Was muss noch angepasst werden? Jonte im Gespräch mit Trainer Michael.
Was muss noch angepasst werden? Jonte im Gespräch mit Trainer Michael. 

Wünsche erfüllen, die teils unerreichbar scheinen

Jetzt nicht mehr. Ute Friese, Geschäftsführerin und Gründerin von Aktion Kindertraum, die aus Hannover zur Auslieferung des Rollstuhls kam: „Wir freuen uns riesig, dass wir Jonte unterstützen können und er jetzt einen passenden Rollstuhl für seine weiteren – teils internationalen – Spiele nutzen kann. Genau dafür sind wir da: Kindern und Jugendlichen Wünsche zu erfüllen, die von ihren Eltern, Verwandten oder Freunden nicht erfüllt werden können.“

Und Jontes Mutter Anna, die allein erziehend ist, ergänzt: „Wir haben mehrfach bei der Krankenkasse so einen Sportrollstuhl beantragt, aber leider immer wieder Absagen erhalten. Und nachdem ich schon beim Treppenlift zuhause 8.000 Euro dazu bezahlen musste, wäre das einfach nicht drin gewesen.“

Nach dem Anpassen zum Training der „Achimer Heroes“ mit dem neuen Rugbyrollstuhl

Nach dem Anpassen wollten wir Jonte natürlich auch mal beim Training sehen. Also trafen wir Jonte ein paar Monate später noch einmal.

Jonte erzählt uns nach dem ersten Training mit seinem angepassten Rugbyrollstuhl von seinen Plänen, was er im Rollstuhlrugby unbedingt erreichen will.

In der Sporthalle des Turnerbunds Uphusen, Arenkamp (bei Achim), kracht Metall aneinander, es ist richtig laut! Hier trainieren die „Achimer Heroes“ Rollstuhlrugby. Nichts für Zartbesaitete, denn mit seinem neuen Rugbyrollstuhl von Aktion Kindertraum knallt Jonte mal eben in eine gegnerische Spielerin, deren Rollstuhl umkippt, sodass sie fest im Rollstuhl angeschnallt auf dem Rücken liegt. Nix passiert, das Spiel, das wie ein Mix aus Autoscooter (viel Action) und Schach (raffinierte Taktik und Strategie) wirkt, geht weiter. 

Neuer Rollstuhl bietet mehr Sicherheit, Schnelligkeit, Drehfreudigkeit

Foto mit Pokal für die Regionalmeisterschaft: Ute Friese, Jonte und seine Mutter Anna Küntzel sowie Moritz Grull vom Sanitätshaus Schämann, der den Rollstuhl für Jonte maßgerecht anpasste. (Foto von links). Links zum Vergleich der Alltagsrollstuhl von Jonte, der wesentlich höher und breiter ist als der neue Sportrollstuhl.

„Mit dem neuen Rollstuhl kann ich viel besser spielen, ich sitze sicherer, kann leichter drehen und bin auch schneller“, sagt Jonte, der bei seinem letzten Bundesliga-Spiel – wo er aushelfen durfte – viel Lob von seinen Mitspielern bekommen hatte. Denn vor der offiziellen Übergabe des neuen Sportgeräts probierte Jonte sein neues Sportgerät bereits in zwei Regionalspielen und eben diesem Bundesliga-Spiel schon mal aus. Mit Erfolg: Die Achimer Heroes wurden gerade erst Meister im Rollstuhlrugby in der Regionalliga Nord-Ost.

Ein Team, eine Nummer: Jonte spielt mit der Nummer 13, ebenso wie früher sein Trainer Nacer Menezla.

Hier erleben wir live, dass Jonte tatsächlich einer der talentiertesten Nachwuchsspieler im Rollstuhlrugby-Team ist. Er trägt das Shirt mit der Nummer 13. Das hat er sich so ausgesucht. Denn auch sein Trainer Nacer – sein großes Vorbild – hat früher mit dieser Nummer in der Nationalmannschaft gespielt.

Ohne passenden Rollstuhl geht die Sportkarriere nicht weiter

Nacer weiß am besten, wie wichtig ein passgenauer Rollstuhl ist. Er erzählt Ute Friese von Aktion Kindertraum, dass einige seiner jugendlichen Nachwuchstalente irgendwann aufgaben, weil sie ohne einen maßangefertigten Sportrollstuhl einfach in den höheren Klassen nicht mithalten konnten. Doch nicht jede Familie kann sich einen so teuren Sportrollstuhl leisten. 

Ute Friese, Gründerin und Geschäftsführerin von Aktion Kindertraum: „Um so mehr freuen wir uns, dass wir Jonte jetzt seinen Wunsch erfüllen konnten. Wir drücken ihm ganz doll die Daumen, dass er mit unserem neuen Rollstuhl auch in der Weltmeisterschaft punkten kann!“

9. Platz bei der WM

Ok, Weltmeister ist das Team um Jonte zwar nicht geworden, aber dennoch gab es viel Lob von Chef-Trainer Christoph Werner.

Mit dem 16-jährigen Jonte Küntzel und der 20-jährigen Enya Schröder standen zwei WM-Debütant*innen im Aufgebot, die laut Werner „hervorragende Talente“ sind. Die Mischung aus erfahrenen sowie unerfahrenen Spielerinnen und Spielern habe bei dieser WM aber noch nicht ausgereicht, um enge Partien gegen Topteams am Ende für sich zu entscheiden. Dennoch ist sich Werner sicher: „Mit Jonte und Enya werden wir in Zukunft noch viel Spaß haben.“

Auf der Website von Team Deutschland Paralympics findet ihr den gesamten Artikel zu dieser WM.

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Katja Banik

Nach meinem Magister Studium (Anglistik, Romanistik, Germanistik) arbeitete ich 14 Jahre lang für Axel Springer als Journalistin, unter anderem als Auslandskorrespondentin in London und New York. Heute beschäftige ich mich mit PR und Öffentlichkeitsarbeit, seit 2018 auch mit ganz viel Herzblut für Aktion Kindertraum – eine tolle Organisation, die wirklich hilft, wo es nötig ist!

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