Echte Teilhabe für Europa: Interview mit Katrin Langensiepen

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung möchten wir euch eine ganz besondere Stimme vorstellen: Katrin Langensiepen. Seit der Europawahl 2019 ist sie Mitglied des Europäischen Parlaments und gehört der Fraktion Die Grünen/EFA an. Dort setzt sie sich vor allem für Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung ein. Sie ist außerdem die erste Frau mit sichtbarer Behinderung im EU-Parlament. 

Im Interview mit uns spricht Katrin Langensiepen über echte Teilhabe, ihre politische Arbeit und ihren ganz persönlichen Herzenswunsch als Kind. 

Katrin Langensiepen, die Grünen/EFA, spricht öffentlich an einem Podium.

1. Wann hast du gemerkt, dass du dich in der Politik einbringen möchtest? 

Ich habe sehr früh gemerkt, dass Politik nicht etwas Abstraktes ist, sondern dass Politik unseren Alltag spürbar beeinflusst. Als Frau mit Behinderung habe ich schon in jungen Jahren erlebt, wie viele Barrieren es gibt. In der Schule, im Alltag, im Zugang zur Arbeit. Mir wurde allerdings mit 30 klar: Wenn ich etwas ändern möchte, reicht es nicht, nur für mich selbst einzustehen, sondern ich muss mich einmischen und laut werden und bin einer Partei beigetreten.

Der entscheidende Moment war, als ich verstanden habe, dass meine Erfahrungen nicht nur meine eigenen sind, sondern viele Menschen betreffen. Da habe ich beschlossen, dass ich meine Stimme nutzen möchte, um für mehr Gerechtigkeit, Inklusion und Teilhabe zu kämpfen.

2. Ende Juni trat das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz der EU in Kraft. Was ist das und warum ist das so wichtig? 

Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz ist die deutsche Umsetzung des sogenannten „European Accessibility Act“. Ziel ist es, dass Produkte und Dienstleistungen innerhalb der EU für alle Menschen zugänglich werden, egal, ob es um Bankautomaten, E-Books, Computer, Smartphones oder Online-Shops geht.

Das ist wichtig, weil Barrierefreiheit kein Luxus oder eine Nische ist, sondern ein Grundrecht. 100 Millionen Menschen in Europa haben Behinderungen, auch ältere Menschen oder auch Menschen mit temporären Einschränkungen sind auf Barrierefreiheit angewiesen, und Technik, Informationen und Dienstleistungen müssen für alle zugänglich gemacht werden.

Leider ist das deutsche Gesetz an vielen Stellen noch zu schwach. Es gibt lange Übergangsfristen und zu viele Ausnahmen. Aber es ist ein wichtiger Schritt, weil es das Bewusstsein schafft. Barrierefreiheit muss in ganz Europa Standard werden.

3. Was bedeutet für dich echte Teilhabe – jenseits von Barrierefreiheit? 

Echte Teilhabe bedeutet für mich, dass Menschen mit Behinderungen nicht nur dabei sein dürfen, sondern wirklich gleichberechtigt mitgestalten können. in Schule, Arbeit, Kultur, Politik und in allen Bereichen des Lebens.

Barrierefreiheit ist die Grundlage, damit wir überhaupt Türen öffnen können. Teilhabe geht weiter. Es heißt, dass unsere Perspektiven ernst genommen werden, dass wir Entscheidungen mit beeinflussen und dass Vielfalt selbstverständlich dazugehört.

Wir brauchen endlich Menschen mit Behinderungen in Führungspositionen, in Parlamenten, in Unternehmen. Es bedeutet, dass Unterstützungsangebote wie Assistenz nicht als Sonderleistung gesehen werden, sondern als Voraussetzung für Gleichberechtigung. Und es bedeutet, dass unsere Gesellschaft aufhört, Menschen in Schubladen zu stecken, sondern Potenziale erkennt. Teilhabe heißt, nicht nur anwesend zu sein, sondern das eigene Leben selbstbestimmt gestalten zu können mit den gleichen Chancen wie alle anderen.

4. Was war der stärkste Moment im EU-Parlament, bei dem du dachtest: „Jetzt verändere ich wirklich etwas“?

Ich bin überzeugt, dass ich jeden Tag etwas verändere. 

Einer der stärksten Momente für mich im Europäischen Parlament war, als ich zum ersten Mal im Plenum zum Thema UN BRK gesprochen habe und dabei gemerkt, dass hier nicht nur Kolleg*innen zuhören, sondern meine Worte direkt in europäische Gesetzgebung einfließen, dass mein Bericht trotz Widerstand in Leichte Sprache übersetzt wurde.

Besonders bewegt hat mich die Arbeit am Europäischen Barrierefreiheitsakt. Es war unglaublich zu sehen, wie viel Druck von der Zivilgesellschaft kam und dass wir es gemeinsam geschafft haben, Barrierefreiheit überhaupt auf die europäische Agenda zu setzen. In dem Moment habe ich gespürt, dass ich nicht nur für mich spreche, sondern für Millionen Menschen in Europa, deren Stimmen oft nicht gehört werden.

Ein weiterer Gänsehautmoment war, als ich gemerkt habe, dass ich als erste Frau mit sichtbarer Behinderung im Parlament anderen Mut mache. „Endlich sitzt da jemand wie wir.“ Das Gefühl, Vorbild sein zu können und Strukturen zu verändern, war für mich der Beweis: Ja, hier kann ich wirklich etwas bewegen.

Katrin Langensiepen steht draußen vor einem Gebäude angelehnt an ein Geländer.

5. Wie erklärst du Kindern, was du beruflich machst – und warum es wichtig ist? 

Wenn ich Kindern erkläre, was ich mache, sage ich meistens, dass in einem großen Haus in Brüssel arbeite, wo viele Menschen aus ganz Europa zusammenkommen. Dort reden wir darüber, wie wir unser Zusammenleben besser machen können, zum Beispiel, dass alle Kinder eine gute Schule besuchen können, dass unsere Umwelt geschützt wird oder dass niemand ausgeschlossen wird. Ich erkläre auch, dass meine Aufgabe ist, aufzupassen, dass Menschen mit Behinderungen die gleichen Chancen bekommen wie alle anderen. Ich sage dann: „Stell dir vor, auf einem Spielplatz gibt es eine Rutsche, aber manche Kinder kommen gar nicht erst hoch, weil da Stufen sind. Meine Arbeit ist, dafür zu sorgen, dass wir den Spielplatz so bauen, dass alle Kinder rutschen können. Kinder verstehen Gerechtigkeit und Fairness. Sie erfinden Spielregeln, die oft, auch wenn vielleicht unbewusst, darauf absehen, ein Spiel fairer zu machen.

6. Welchen Satz (oder mehrere) würdest du gern aus Gesetzestexten streichen? 

Ganz klar: den Satz „soweit dies wirtschaftlich zumutbar ist“.

Dieser kleine Zusatz steht in vielen Gesetzen, wenn es um Barrierefreiheit oder Teilhabe geht und er ist ein Freibrief dafür, Barrieren bestehen zu lassen. Denn fast alles kann mit dem Argument „zu teuer“ verhindert werden. Damit wird das Grundrecht auf gleichberechtigte Teilhabe relativiert und zur Verhandlungssache gemacht.

Ich finde, Rechte von Menschen mit Behinderungen dürfen nicht unter Kostenvorbehalt stehen. Wenn wir Gleichberechtigung wirklich ernst meinen, dann muss sie verbindlich gelten, ohne Hintertür.

7. Wenn du Europa ein barrierefreies Versprechen machen könntest – wie würde es lauten? 

Mein Versprechen wäre: „In Europa soll kein Mensch mehr an einer Treppe, einer verschlossenen Tür oder an unsichtbaren Barrieren scheitern. Barrierefreiheit wird überall selbstverständlich. In Schulen, am Arbeitsplatz, im Internet, im Verkehr, in der Politik. Jeder Mensch kann überall mitmachen und sein Leben selbstbestimmt gestalten.“

Für mich heißt das, dass Europa verpflichtet sich, Vielfalt nicht nur zu akzeptieren, sondern zu feiern und die Strukturen so zu bauen, dass niemand ausgeschlossen wird. Ein Europa, in dem Barrierefreiheit der Standard ist, ist ein Europa, das für alle besser funktioniert.

Katrin Langensiepen sitzt draußen im Park auf einem Holzstuhl.

8. Was motiviert dich an Tagen, an denen politische Prozesse frustrieren? 

An solchen Tagen denke ich an die Menschen, für die ich Politik mache. Ich bekomme viele Nachrichten von Betroffenen, von Familien, von jungen Menschen mit Behinderungen, die mir schreiben: „Danke, dass du unsere Stimme bist.“ Das gibt mir Kraft.

Mich motiviert auch die Überzeugung, dass Veränderung Zeit braucht. Politik ist oft langsam und mühsam, aber jeder kleine Fortschritt bedeutet, dass Barrieren abgebaut werden. Auch wenn es manchmal Rückschläge gibt, weiß ich, dass wenn wir nicht dranbleiben, sich nix bewegen wird.

Ich erinnere mich daran, dass ich als erste Frau mit sichtbarer Behinderung im Europaparlament vielen Menschen Hoffnung geben kann. Dieses Vorbild-Sein ist Verantwortung und Motivation zugleich, gerade an den schwierigen Tagen.

9. Was war das mutigste „Nein“, das du je gesagt hast? 

Das mutigste „Nein“, das ich je gesagt habe, war ein „Nein“ zu Versorungsjobs. Konkret: Nein zu einer Einrichtung, Nein zu Bürojobs.

Nein zu Veranstaltungen im EU Parlament,wenn diese nicht barrierefrei sind, Nein zu Veranstaltungen, die von rechtspopulistischen Fraktionen zum Thema Inklusion gemacht werden. 

In politischen Verhandlungen wird oft versucht, Kompromisse zu schließen, die nach außen gut klingen, aber in der Realität kaum etwas verändern, gerade beim Thema Barrierefreiheit.

Ich habe zum Beispiel klar „Nein“ gesagt, wenn es darum ging, lange Übergangsfristen oder Schlupflöcher einzubauen, die am Ende wieder bedeuten, dass Menschen mit Behinderungen warten müssen. Für mich war das mutig, weil man damit manchmal allein steht, weil man sich gegen Mehrheiten stellt und vielleicht auch Sympathien verliert. Unsere Rechte sind nicht verhandelbar. Ein halber Schritt, der niemandem wirklich hilft, ist kein Fortschritt. Lieber kämpfe ich länger für ein echtes „Ja“ zur Inklusion.

10. Wie sieht deine ideale Vision von echter Teilhabe in der Zukunft aus? 

Die UN BRK ist keine Vision. Teilhabe für alle ist keine Vision. Es ist ein Menschenrecht. Deutschland hat die UN BRK ratifiziert. Jetzt müssen auch die entsprechenden Gesetze folgen, um diese auch bundesweit durchzusetzen. 

Politik und Kultur müssen so gestaltet sein, dass alle mitreden und in Machtpositionen gewählt werden können. Assistenz, Hilfsmittel oder Gebärdensprachdolmetschung sind da, wenn man sie braucht, ohne komplizierte Anträge oder lange Wartezeiten.

Vor allem aber bedeutet echte Teilhabe für mich, dass die Perspektive von Menschen mit Behinderungen von Anfang an selbstverständlich mitgedacht wird, nicht erst nachträglich. 

Katrin Langensiepen sitzt draußen im Kleid vor dem Altiero-Spinelli-Gebäude des EU-Parlaments.
Katrin Langensiepen draußen vor dem Altiero-Spinelli-Gebäude des EU-Parlaments.

11. Was war dein Herzenswunsch als Kind?

Als Kind war mein Herzenswunsch, Journalistin zu werden. Mich hat das Reisen fasziniert, das Entdecken von neuen Orten, Kulturen und Perspektiven. Ich wollte die Welt sehen und verstehen, wie unterschiedlich Menschen leben und denken.

Natürlich bekam ich auch zu hören: „Vielleicht wäre ein sicherer Bürojob besser für dich.“ Doch für mich war klar, dass ich nicht nur hinter einem Schreibtisch sitzen wollte. Ich wollte raus, über Grenzen hinweg, Menschen begegnen und die Welt erleben.

Heute bin ich Abgeordnete im Europäischen Parlament und es ist der beste Job, den ich mir vorstellen könnte. Ich darf nicht nur Europa bereisen, sondern auch politisch etwas bewegen und dabei die vielen Perspektiven und Stimmen, die ich als Kind schon so spannend fand, in meine Arbeit einfließen lassen.

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