Sommerferien. Für viele Kinder klingt das nach Freiheit: ausschlafen, draußen sein, Freundinnen und Freunde treffen, ins Freibad gehen oder an einer Ferienfreizeit teilnehmen. In vielen Städten gibt es dafür zahlreiche Angebote – von Sportcamps über Kreativworkshops bis hin zu betreuten Ausflügen. Doch inklusive Ferien sind selten und deshalb beginnt für Kinder mit Behinderung mit den Ferien oft keine unbeschwerte Zeit, sondern eine Suche.
Eltern fragen sich dann nicht nur: Was macht meinem Kind Spaß? Sondern auch: Ist der Ort barrierefrei? Gibt es Assistenz? Kann mein Kind begleitet werden, wenn es Pflege, Medikamente oder Rückzug braucht? Ist das Team geschult? Und wird mein Kind wirklich willkommen geheißen oder nur aufgenommen, wenn „es irgendwie passt“?

Inklusive Ferien bedeuten, dass diese Fragen nicht erst im Einzelfall auftauchen. Sie bedeuten, dass Kinder mit unterschiedlichen Bedürfnissen von Anfang an mitgedacht werden.
Ferien sind mehr als freie Zeit
Ferien sind für Kinder Erholung, Abenteuer, Begegnung und Entwicklung. Sie erleben neue Orte, probieren sich aus, schließen Freundschaften, gewinnen Selbstvertrauen und sammeln Erinnerungen, die bleiben. Für Kinder mit Behinderung ist das genauso wichtig wie für alle anderen Kinder.

Auch rechtlich ist Freizeit kein Nebenthema: Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention beschreibt das Recht jedes Kindes auf Ruhe, Freizeit, Spiel und altersgemäße Erholung. Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet die Vertragsstaaten außerdem dazu, Kindern mit Behinderung gleichberechtigte Teilhabe an Spiel-, Erholungs-, Freizeit- und Sportaktivitäten zu ermöglichen.
In der Praxis reicht es deshalb nicht, wenn ein Ferienangebot theoretisch offen ist. Entscheidend ist, ob ein Kind tatsächlich teilnehmen kann – mit der Unterstützung, die es braucht. Ein Kind im Rollstuhl braucht bspw. barrierefreie Räume, sichere Wege und zugängliche Toiletten. Ein Kind mit Autismus braucht hingegen klare Abläufe, reizarme Rückzugsmöglichkeiten und Menschen, die sein Verhalten verstehen. Ein Kind mit hohem Pflegebedarf braucht eine persönliche Begleitung, die pflegerische Aufgaben sicher und geschult übernehmen kann.
Die entscheidende Frage lautet also nicht: „Passt dieses Kind in unser Angebot?“ Sondern: „Was braucht dieses Kind, damit es teilnehmen kann?“

Warum viele Ferienangebote nicht ausreichen
Viele Ferienprogramme sind für Kinder ohne besonderen Unterstützungsbedarf geplant. Sie arbeiten mit größeren Gruppen, wechselnden Orten, spontanen Abläufen, vielen Reizen und einem Betreuungsschlüssel, der für manche Kinder schlicht nicht reicht.
Deshalb braucht es angepasste Konzepte: inklusive Ferienbetreuung für Kinder mit und ohne Behinderung, spezialisierte Ferienfreizeiten, betreute Reisen, Angebote mit 1:1-Assistenz, Familienerholung, Kurzzeitwohnen oder Tagesangebote mit Fahrdienst, Pflegeunterstützung und kleinen Gruppen.
Das sind keine „Extrawünsche“. Es sind Voraussetzungen für Teilhabe. Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass jedes Kind exakt dasselbe bekommt. Gleichberechtigung bedeutet, dass jedes Kind die Unterstützung erhält, die es braucht, um dabei sein zu können.

Wenn Ferien für Familien zur Belastungsprobe werden
Für Familien mit Kindern mit Behinderung sind Ferienzeiten oft besonders herausfordernd. Schule, Kita, Hort, Therapien und gewohnte Alltagsstrukturen fallen weg oder laufen eingeschränkt. Gleichzeitig haben Eltern nicht automatisch mehr Urlaub, weniger Pflegeaufgaben oder zusätzliche Unterstützung.
Viele Familien organisieren ihren Alltag ohnehin mit enormer Kraft: Arzttermine, Therapien, Pflege, Anträge, Hilfsmittel, Schule, Geschwister, Beruf. Wenn dann die Ferien beginnen, wird aus einer anspruchsvollen Situation schnell eine kaum lösbare Aufgabe.

Inklusive Ferien können hier doppelt helfen: Sie schenken Kindern schöne Erlebnisse und entlasten Familien. Für Kinder bedeuten sie Freundschaften, Bewegung und Kreativität und bieten ein Stück Selbstständigkeit. Für Eltern bedeuten sie: einmal durchatmen, arbeiten gehen können, Zeit für Geschwisterkinder haben und etwas Kraft sammeln.
Das ist nicht „nice to have“. Das ist wichtig für die ganze Familie.
Es gibt Angebote – aber zu wenige
Deutschlandweit gibt es bereits gute Beispiele, die zeigen, wie inklusive Ferien gelingen können. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Familienerholung bündelt gemeinnützige Familienferienstätten in Deutschland; viele Häuser sind auf Familien mit behinderten oder pflegebedürftigen Angehörigen eingestellt.
Villa Kunterbunt bietet Ferienfreizeiten für Kinder und Jugendliche mit Behinderung an. Die 14-tägigen Fahrten richten sich an Kinder und Jugendliche aus ganz Deutschland und setzen auf individuelle Begleitung, Gemeinschaft und barrierefreie Unterbringung.
Ein weiteres Beispiel ist der Neue Kupferhof in Hamburg. Dort finden körperlich/geistig sowie mehrfach behinderte Kinder und Jugendliche ein Kurzzeit-Zuhause, während ihre Familien entlastet werden. Das Angebot verbindet Betreuung der Kinder mit Erholung für die gesamte Familie. Hierbei handelt es sich aber auch nicht explizit um ein Ferienangebot.

Auch inklusive Ferienprogramme der Lebenshilfe zeigen, wie konkrete Teilhabe aussehen kann: kleine Gruppen, mehrere Assistenzkräfte, ein strukturierter Tag und die Orientierung an den Interessen der Kinder. Ein beschriebenes Modell arbeitet zum Beispiel mit Kleingruppen von maximal neun Kindern und drei Assistenzen.
Diese Beispiele machen Mut. Sie zeigen: Es geht. Aber sie zeigen auch das Problem. Solche Angebote sind nicht überall verfügbar, oft schnell ausgebucht, regional unterschiedlich verteilt oder mit erheblichem Organisationsaufwand verbunden. Für viele Familien bleibt inklusive Ferienbetreuung oder Urlaub ein Ausnahmefall statt eine verlässliche Option.
Der Engpass: Es fehlen Menschen
Gute Konzepte scheitern nicht immer an der Idee. Häufig scheitern sie an der Umsetzung.
Ein Beispiel dafür schildert uns ein Vertrauter aus unserem Netzwerk. Gemeinsam mit einer Sozialarbeiterin wollte er Konzepte für inklusive Ferien entwickeln und an den Start bringen. Der Bedarf war sichtbar. Das Interesse war da. Auch fachlich ließen sich sinnvolle Modelle planen. Am Ende stand jedoch ein Problem im Mittelpunkt: Es fehlten die passenden und zuverlässigen Begleitpersonen.

Diese Erfahrung passt zu dem, was viele Träger berichten. In der Eingliederungshilfe, Jugendhilfe, Pflege und pädagogischen Arbeit ist der Fach- und Arbeitskräftemangel deutlich spürbar. Laut Umsetzungsbegleitung Bundesteilhabegesetz müssen Angebote aufgrund von Personalmangel eingeschränkt werden; Angehörige suchen teils lange nach freien Plätzen. Auch der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. beschreibt einen sich zuspitzenden Arbeits- und Fachkräftemangel in der Eingliederungshilfe, der Angebote teilweise einschränkt oder zurückdrängt.

Für inklusive Ferienangebote braucht es Menschen mit Erfahrung, Geduld und Qualifikation: Heilerziehungspflegerinnen und Heilerziehungspfleger, pädagogische Fachkräfte, Pflegekräfte, Schulbegleitungen, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Assistenzkräfte und erfahrene Ehrenamtliche. Gerade bei Kindern mit hohem Unterstützungsbedarf reicht reine Aufsicht nicht aus. Es braucht Menschen, die unterstützen, pflegen, begleiten, deeskalieren, kommunizieren, ermutigen – und Verantwortung übernehmen können.
Der Personalmangel ist deshalb nicht nur ein organisatorisches Problem. Er entscheidet darüber, ob Kinder teilhaben können oder nicht.
Hannover: Erste Ansätze, viele offene Fragen
Auch in Hannover gibt es viele Ferienangebote. Die FerienCard der Landeshauptstadt Hannover bietet Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 15 Jahren zahlreiche Tages- und Wochenaktionen. Mit HannoverAktivPass ist sie kostenlos. Im FerienCard-Flyer wird ausdrücklich erwähnt, dass Familien unterstützt werden, geeignete Aktionen für Kinder mit Behinderungen zu finden und möglich zu machen. Das ist ein wichtiger Hinweis. Offen bleibt aber die praktische Frage: Wie schnell, verbindlich und ausreichend ist diese Unterstützung im Einzelfall?
Neben allgemeinen Ferienangeboten gibt es in Hannover lokale inklusive Ansätze. Mosaik inklusiv Leben bietet unter dem Motto „Ferien für alle“ inklusive Ferienbetreuung für Kinder und Jugendliche mit und ohne Beeinträchtigung an.

Puzzle Inklusion beschreibt eine Ferienbetreuung für Kinder und Jugendliche mit körperlichen, geistigen, psychischen oder seelischen Beeinträchtigungen und unterstützt Familien auch bei Fragen an Kostenträger.
Das sind wertvolle Bausteine. Doch sie beantworten noch nicht die größere Frage: Gibt es genügend Plätze? Sind sie für alle Familien erreichbar? Wie früh müssen Eltern planen? Wer finanziert Assistenz? Welche Unterstützungsbedarfe können tatsächlich abgedeckt werden? Und wie können Stadt, Region, freie Träger und Förderer gemeinsam verlässliche Strukturen schaffen?
Was jetzt passieren müsste
Inklusive Ferien dürfen nicht vom Zufall abhängen. Nicht davon, ob Eltern die richtige Telefonnummer finden. Nicht davon, ob ein einzelner Träger gerade Kapazitäten hat. Und nicht davon, ob sich kurzfristig doch noch eine Begleitperson findet.

Ein sinnvoller nächster Schritt wäre eine gemeinsame Strategie für deutschlandweite inklusive Ferienbetreuung. Dazu könnten gehören:
1. Eine zentrale Übersicht für inklusive Ferien
Familien brauchen eine barrierefreie, aktuelle Übersicht: Welche Angebote gibt es? Welche Altersgruppen werden angesprochen? Wo ist Assistenz möglich? Welche Orte sind rollstuhlgerecht? Welche Pflege- oder Kommunikationsbedarfe können berücksichtigt werden?
2. Ein Runder Tisch „Inklusive Ferien in meiner Region“
Stadt, Region, freie Träger, Elterninitiativen, Selbstvertretungen, Schulen, Pflegekassen, Eingliederungshilfe, Jugendhilfe und Förderorganisationen sollten gemeinsam prüfen: Was gibt es bereits? Wo fehlen Plätze? Welche Hürden erleben Familien? Was lässt sich kurzfristig verbessern?
3. Pilotprojekte in den Sommerferien
Zusätzliche inklusive Ferienwochen könnten gezielt gefördert werden – mit gutem Betreuungsschlüssel, Fachberatung, klarer Finanzierung und Auswertung nach den Ferien.
4. Qualifizierung von Begleitpersonen
Juleica-Strukturen, Freiwilligendienste, Studierende sozialer Berufe, Schulbegleitungen und erfahrene Ehrenamtliche könnten gezielt für inklusive Ferienangebote qualifiziert werden. Wichtig bleibt: Ehrenamt kann Fachkräfte ergänzen, aber nicht ersetzen.
5. Klare Finanzierung von Assistenz
Viele Angebote scheitern daran, dass Familien nicht wissen, welcher Kostenträger zuständig ist. Hier braucht es verständliche Wege zwischen Jugendhilfe, Eingliederungshilfe, Pflegekassen, Stiftungen und Förderprogrammen.

Jedes Kind verdient Ferien
Inklusive Ferien sind keine Randfrage. Sie berühren Kinderrechte, Inklusion, Familienentlastung und gesellschaftliche Verantwortung.
Denn Ferien sollten für Kinder nicht bedeuten: Du darfst dabei sein, wenn es nicht zu kompliziert wird.
Ferien sollten bedeuten: Wir finden einen Weg, damit du dabei sein kannst.
Dafür braucht es gute Konzepte, verlässliche Finanzierung und vor allem Menschen, die begleiten, unterstützen und möglich machen.
Damit aus „Leider nicht möglich“ öfter wird: „Willkommen, schön, dass du da bist.“
Denn jedes Kind verdient Ferien. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.