Aktion Kindertraum (im Interview AK genannt) unterstützt Familien mit Kindern und Jugendlichen, die sich in lebensbedrohlichen Situationen beziehungsweise Notsituationen befinden – unabhängig von ihrer Nationalität, Religion und Hautfarbe. Häufig geht es bei uns – das wissen alle, die uns schon lange kennen – um (schwerst) kranke und / oder behinderte Kinder. Deshalb stehen wir häufig im Dialog mit Eltern und Angehörigen sowie Gesundheitsexperten.

Immer wieder werden wir in letzter Zeit aufgrund der Corona-Pandemie sowie der Diskussion um die Impfpriorisierung gefragt: Was ist mit unseren Kindern? Wann können wir sie impfen lassen? Oder wäre es besser, ein Kind, dass erkrankt ist, lieber nicht zu impfen? Da wir keine Ärzte oder Wissenschaftler sind, können wir solche Fragen leider nicht beantworten.

Aus diesem Grund haben wir ein Interview mit Dr. med. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte e.V., geführt. Lesen Sie hier, was der Experte auf unsere Fragen geantwortet hat. Aktion Kindertraum bedankt sich an dieser Stelle schon einmal ganz herzlich für die Bereitschaft, uns dieses Interview zu ermöglichen!

Aktion Kindertraum Blog Corona Impfung Kinder Fischbach Klein Textfoto 843x1024 - Wann werden unsere Kinder geimpft?
Dr. med. Thomas Fischbach, (Bildrechte: Frank Schoepgens FOTOGRAFIE, Köln)
AK: „Dr. Fischbach, Sie vertreten in den Medien stark die Meinung, dass Kinder – besonders mit chronischen Vorerkrankungen – bei der Corona-Impfung priorisiert werden sollten. Warum ist es das aus medizinischer Sicht so wichtig?“

Dr. Fischbach: „Kinder und Jugendliche stellen in Deutschland mit 13 Millionen Menschen eine große Bevölkerungsgruppe dar. Bisher wurde diese Gruppe bei der Impfpriorisierung gegen das Sars – CoV2 – Virus vollkommen vergessen. Aber auch Kinder und Jugendliche haben gemäß der UN – Kinderrechtecharta einen Anspruch auf bestmögliche medizinische Versorgung. Und dazu gehört auch die Impfprävention!“

AK: „Kinder – sowohl gesunde als auch solche mit Vorerkrankungen – sind vergleichsweise selten von schweren Covid-19-Verläufen betroffen. Welche Risiken sehen Sie?“

Dr. Fischbach: „Gottlob erkranken Kinder in der Tat selten an schweren Verläufen von COVID-19, jedoch sind solche nicht ausgeschlossen. Wenn die Bevölkerungsgruppe der Kinder und Jugendlichen auch mittelfristig nicht geimpft würde, könnten diese das Virus beständig in ihrem sozialen Umfeld weitergeben. Und in Kita und Schule würden sie ja nur auf Ungeimpfte treffen.”

AK: „Sie sagen: ,Wenn Kinder und Jugendliche, gerade chronisch kranke, nicht geimpft werden, ist ihre Teilhabe auf allen gesellschaftlichen Ebenen und auf nicht absehbare Zeit massiv beeinträchtigt.‘ Was raten Sie den betroffenen Familien in der aktuellen Situation?“

Dr. Fischbach: „Eine fehlende Immunisierung der Kinder und Jugendlichen beließe diese im Zustand immunologischer Naivität – und damit infizierbar. Denn eines ist doch klar: Auch wenn wir Erwachsene zunehmend impfen, wird sich das Virus auf unabsehbare Zeit unter uns befinden. Eine sogenannte ,Herdenimmunität‘ wäre eben gerade nicht erreichbar. Dadurch würde unserem Nachwuchs auf noch lange Zeit eine Kontaktbeschränkung drohen, die sich negativ auf die kindliche Entwicklung und den Bildungserwerb auswirken würde.“

AK: „Damit Kinder geimpft werden können, sind entsprechende Tests vorab notwendig. Wie beurteilen Sie diesbezüglich die Arbeit der entsprechenden Pharma-Unternehmen?“

Dr. Fischbach: „Vor wenigen Tagen hat das Unternehmen AstraZeneca mitgeteilt, dass mit seinem Impfstoff AZD1222 in Großbritannien erste Impfstoffstudien in der Altersgruppe 6 – 17 Jahre angelaufen sind. Auch weitere Pharmaunternehmen wollen hier nun forschen. Das hat Bundesgesundheitsminister Spahn ja zu der Aussage veranlasst, auf die Möglichkeit eines Kinderimpfstoffs bereits in diesem Sommer hinzuweisen.“

AK: „Wann rechnen Sie damit, wird es Impfungen für Kinder geben? Sind hier Sonderregelungen für Kinder mit Behinderungen notwendig? Welche sind hier besonders betroffen?“

Dr. Fischbach:„Aus dem Bundesgesundheitsministerium gibt es ja die vorsichtig vorgebrachte Hoffnung auf einen Kinderimpfstoff im Sommer des Jahres. Sicherlich sollten zunächst chronisch kranke Patienten Vorrang haben, aber letzten Endes brauchen wir eine möglichst hohe Impfrate auch bei Kindern.“

AK: „Würden Sie einem Arzt raten, vorher auf eigene Verantwortung ein Kind zu impfen? Wäre das überhaupt möglich?“

Dr. Fischbach: „Definitiv nein. Weder stehen zur Zeit geeignete Impfstoffe für diese Altersgruppe zur Verfügung noch ist dies in der Impfverordnung vorgesehen!“

Sobald Impfungen für Kinder zugelassen sind, wäre es möglich, diese – auch – in Kinder- und Jugend-Arztpraxen vorzunehmen.

Dr. Fischbach: „Wir Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen haben eine große Expertise auf dem Gebiet der Impfung. Wir stehen ,in den Starlöchern‘, um zu impfen und können praktisch ab sofort loslegen. Unsere Praxen sind darauf eingestellt, schnell und sicher eine große Anzahl von Menschen zu impfen. Wir verfügen über die Kühlschränke für die sichere Lagerung, wir verfügen über die nötige Kompetenz, sorgfältig aufzuklären, sicher zu impfen und auch Risikopatienten zu identifizieren, die aufgrund bestimmter Grunderkrankungen besser nicht geimpft werden. Unsere Hygienekonzepte, um Infektionen in unseren Praxen zu verhindern, sind umfangreich, wir sind wohnortnah und leicht zu erreichen. Wir sind also bereit und in der Lage, gemäß den STIKO-Empfehlungen und Vorgaben der Bundesregierung mitzuwirken, in kurzer Zeit den Impfschutz für die Bevölkerung aufzubauen. Allerdings erwarten wir auch eine entsprechende Honorierung der Zusatzbelastung durch die Impfkampagne und eine reibungslose Verteilung der Impfstoffe und des Verbrauchsmaterials.“

Das Interview führte Lara Lutzenberger.